Warum der Fellwechsel den Stoffwechsel so stark fordert

Zweimal im Jahr steht dein Pferd vor einer enormen Aufgabe: Der Fellwechsel. Was harmlos klingt, ist tatsächlich Schwerstarbeit für den gesamten Organismus. Die Hautoberfläche eines Pferdes umfasst rund 4 bis 6 Quadratmeter, die Haardichte schwankt je nach Körperregion und Saison stark – im Winterfell sind es mehrere Hundert Haare pro Quadratzentimeter. Das ergibt eine gewaltige Menge an Haarsubstanz, die gleichzeitig abgeworfen und neu produziert werden muss.

Der Fellwechsel beginnt innerlich lange bevor wir ihn äußerlich sehen. Im Frühjahr stellt sich der Körper bereits ab Ende Dezember oder Januar um, sichtbar haaren die Pferde dann ab März bis Mai. Im Herbst läuft der Prozess umgekehrt. Während dieser Zeit laufen Stoffwechsel, Kreislauf und Immunsystem auf Hochtouren.

Das Immunsystem muss Kapazitäten teilen: Weniger Reserven stehen für die Abwehr zur Verfügung, mehr Energie fließt in die Fellproduktion. Viele Pferde wirken deshalb während des Fellwechsels schlapper und sind anfälliger für Infekte wie Herpes oder Influenza.

Haare sind aus Keratin – und Keratin braucht Nährstoffe

Haare bestehen zu über 90 Prozent aus Keratin, einem Hardprotein. Entsprechend wichtig ist die Versorgung mit hochwertigen Aminosäuren, Spurenelementen und Vitaminen.

Zink und Kupfer: Diese beiden Spurenelemente spielen eine zentrale Rolle bei der Produktion von Keratin, Kollagen und der Hautpigmentierung. Kupfer ist zudem an der Bildung von Melanin beteiligt, dem Farbstoff, der Fell, Mähne und Schweif ihre natürliche Färbung gibt. Ein Mangel an Kupfer und Zink zeigt sich häufig durch ein verblasstes, stumpfes Fell und verzögerten Fellwechsel.

Problematisch: Viele Pferde erhalten über die Grundfütterung zu wenig Kupfer und Zink im richtigen Verhältnis. Heu enthält je nach Boden und Pflanzenbestand oft mehr Eisen als der Bedarf erfordert, während Kupfer und Zink knapp sind. Eisen konkurriert im Darm mit Kupfer und Zink um die Aufnahme – hohe Eisenmengen können die Absorption der beiden wichtigen Spurenelemente einschränken [1].

Essenzielle Aminosäuren: Haare werden aus Keratin aufgebaut. Keratin enthält besonders viel der schwefelhaltigen Aminosäure Cystein, die über Disulfidbrücken die Stabilität der Hornsubstanz mitbestimmt – daneben ist es aber aus zahlreichen weiteren Aminosäuren aufgebaut. Besonders Methionin und Lysin sind für die Proteinsynthese unverzichtbar. Bei schlechtem Ernährungszustand oder Proteinmangel kommt es oft zu einer Verzögerung des Fellwechsels – die Haare werden quasi „festgehalten", das Fell wirkt struppig und schlechter.

Omega-3-Fettsäuren: Leinöl und andere Quellen mehrfach ungesättigter Fettsäuren fördern Hautgesundheit und Fellglanz. Sie unterstützen die Bildung der schützenden Fettschicht auf der Haut und der Lipid-Schicht, mit der jedes Haar überzogen ist. Diese bringt den Glanz ins Fell und sorgt dafür, dass Regenwasser abperlt.

B-Vitamine, Vitamin A und E: Diese Vitamine unterstützen den Hautstoffwechsel, die Zellteilung und schützen vor oxidativem Stress. Ein gesunder Darm ist hier besonders wichtig: Pferde bilden einen Teil der B-Vitamine durch ihre Darmflora selbst – wobei die Resorption aus dem Dickdarm umstritten ist und die Hauptaufnahme im Dünndarm erfolgt.

Besondere Herausforderung: Fellwechsel bei Cushing und EMS

Pferde mit Stoffwechselerkrankungen wie dem Equinen Cushing-Syndrom (ECS, auch PPID genannt) oder dem Equinen Metabolischen Syndrom (EMS) haben es beim Fellwechsel besonders schwer.

Cushing: Das auffälligste Symptom ist das oft lockige Fell und der gestörte Fellwechsel im fortgeschrittenen Stadium der Krankheit [2]. Pferde mit Cushing besitzen nicht selten ein sehr langes Fell, welches sie im Fellwechsel schwer loswerden [2]. Die Ursache liegt in einer Störung der Hirnanhangsdrüse, die für den Hormonhaushalt und somit alle Stoffwechselprozesse im Körper verantwortlich ist [3]. Das Immunsystem ist geschwächt, was zu weiteren Erkrankungen wie Infektionen führen kann [3].

Häufig werden Symptome wie langsamer, verzögerter Fellwechsel, Lustlosigkeit, Gewichtsabnahme oder Leistungsschwäche behandelt, ohne die zugrunde liegende Stoffwechselstörung zu erkennen [3].

EMS: Auch Pferde mit EMS haben oft Probleme mit dem Hautstoffwechsel und benötigen eine angepasste, zucker- und stärkearme Fütterung, um den ohnehin belasteten Stoffwechsel zu entlasten.

Wenn dein Pferd Jahr für Jahr Schwierigkeiten beim Fellwechsel zeigt, auffällig langes oder lockiges Fell entwickelt oder zusätzlich andere Symptome wie Hufrehe, Muskelschwund oder erhöhte Infektanfälligkeit auftreten, solltest du deinen Tierarzt konsultieren und einen Bluttest – etwa basales ACTH oder einen TRH-Stimulationstest – in Betracht ziehen. Das basale ACTH ist saisonabhängig und in den Übergangszeiten weniger zuverlässig; der TRH-Stimulationstest gilt aktuell als sensitiver.

Wie du dein Pferd aktiv unterstützt

Tägliches Striegeln: Das ist das wirkungsvollste Mittel und sollte während des Fellwechsels auf dem täglichen Programm stehen. Es löst das alte Fell, fördert die Durchblutung der Haut und beschleunigt das Nachwachsen des neuen Haarkleids. Das nachwachsende Fell juckt oft – die meisten Pferde genießen die Pflege jetzt besonders. Verwende Gummistriegel und Noppenbürsten für die effektivste Fellentfernung.

Moderates Training: Pferde mit viel Zeit im Freien wechseln in der Regel schneller und gleichmäßiger. Moderates Training fördert die Durchblutung zusätzlich – auch Lymphsystem und Stoffwechsel profitieren davon. Aber Vorsicht: Überfordere dein Pferd nicht. Müdigkeit während des Fellwechsels ist normal.

Stressreduktion: Stress schwächt das ohnehin beanspruchte Immunsystem zusätzlich. Stallwechsel, intensive Turnierphasen oder häufige Transporte sollten möglichst nicht in den Höhepunkt des Fellwechsels fallen. Auch Entwurmung und Impfung können besser in der Ruhephase zwischen den Wechseln durchgeführt werden.

Ergänzende Fütterung während des Fellwechsels

Während des Fellwechsels steigt der Vitalstoff- und Nährstoffbedarf deutlich. Eine gezielte Ergänzung kann den Organismus entlasten.

Mineralfutter: Ein ausgewogenes Mineralfutter sollte die Grundversorgung sicherstellen. Achte auf eine ausreichende Versorgung mit Kupfer, Zink, Selen sowie B-Vitaminen, Vitamin A und Vitamin E. Die typische Forage-basierte Fütterung deckt diese Bedarfe oft nicht vollständig.

Proteinergänzung: Luzerne (Alfalfa) ist eiweißreich und liefert essenzielle Aminosäuren. Besonders bei älteren oder schwerfuttrigen Pferden kann sie sinnvoll sein, da Keratin ein Protein ist.

Leberstützung: Die Leber ist das „Zentrallabor" des Körpers und im Fellwechsel stark gefordert. Kräuter wie Mariendistelsamen, Artischocke oder Löwenzahn werden traditionell zur Unterstützung der Verdauung eingesetzt. Eine bedarfsgerechte Versorgung mit Cholin und schwefelhaltigen Aminosäuren kann die Leber zusätzlich unterstützen – gerade nach den Wintermonaten, wenn Heu und Heulage je nach Erntebedingungen mit Schimmelpilzen belastet sein können.

Öle: Leinöl ist reich an Omega-3-Fettsäuren und unterstützt Hautgesundheit, Fellglanz und eine geregelte Verdauung. Es liefert zudem leicht verdauliche Energie.

Achtung: Ergänze gezielt, nicht wahllos. Mehr ist nicht immer besser. Eine Überversorgung oder falsche Verhältnisse (z. B. zu viel Zink im Vergleich zu Kupfer) können kontraproduktiv sein. Im Zweifel lohnt sich eine Rationsberechnung oder ein Gespräch mit einem auf Pferdefütterung spezialisierten Tierarzt oder Ernährungsberater.

Wann du genauer hinschauen solltest

Ein langsamer Fellwechsel ist nicht immer ein Problem – manchmal liegt es schlicht an Rasse, Alter oder Witterung. Aber es gibt Warnsignale, die du ernst nehmen solltest:

In diesen Fällen solltest du deinen Tierarzt hinzuziehen, um Stoffwechselerkrankungen, Parasitenbefall oder andere Ursachen auszuschließen.

Fazit

Der Fellwechsel ist weit mehr als ein paar Haare, die in der Box herumfliegen. Es ist eine echte Stoffwechsel-Herausforderung, die dein Pferd zweimal im Jahr bewältigen muss. Mit der richtigen Fütterung, täglichem Striegeln, ausreichend Bewegung und einem Auge für Warnsignale kannst du den Prozess deutlich erleichtern. Besonders Pferde mit Stoffwechselerkrankungen profitieren von gezielter Unterstützung – und alle Pferde von einer bedarfsgerechten Versorgung mit Spurenelementen, Aminosäuren und Vitaminen. Je besser du dein Pferd jetzt unterstützt, desto schneller steht es mit glänzendem, gesundem Fell da – und desto mehr Energie bleibt für alles andere.

Quellen

  1. [1] Copper and zinc balance in exercising horses fed 2 forms of mineral supplements. J Anim Sci 2010. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/21075965/
  2. [2] McFarlane D – Equine pituitary pars intermedia dysfunction. Vet Clin North Am Equine Pract 2011. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/21392656/
  3. [3] Durham AE, Frank N, McGowan CM, Menzies-Gow NJ, Roelfsema E, Vervuert I, Feige K, Fey K – ECEIM consensus statement on equine metabolic syndrome. J Vet Intern Med 2019. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30724412/

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