Hufrehe – eine der schmerzhaftesten Erkrankungen beim Pferd

Hufrehe zählt zu den schmerzhaftesten orthopädischen Erkrankungen des Pferdes und ist eine der häufigsten Ursachen dafür, dass Pferde aufgegeben werden müssen. Bei der aseptischen Entzündung der Huflederhaut löst sich die Verbindung zwischen Hufbein und Hornkapsel – im schlimmsten Fall kommt es zur Rotation oder Absenkung des Hufbeins [4]. Mehr als 90 Prozent der Pferde, die mit Hufrehe als primärem Symptom vorgestellt werden, haben die Erkrankung als Folge einer endokrinen Störung entwickelt, am häufigsten durch das Equine Metabolische Syndrom (EMS) [2]. Frühe Diagnose und konsequentes Management dieser Stoffwechselstörungen sind entscheidend, um die verheerenden Folgen der Hufrehe zu verhindern [3].

Was passiert im Huf bei Hufrehe?

Die Huflederhaut ist ein hochdurchblutetes Bindegewebe zwischen Hufbein und Hornkapsel. Sie besteht aus etwa 550–600 primären Lamellen pro Huf, jede davon mit 100–200 Sekundärlamellen — insgesamt zehntausende Verbindungspunkte, die das Hufbein wie ein Klettverschluss in der Hornkapsel verankern und das gesamte Gewicht des Pferdes tragen [4]. Bei einer Hufrehe schwillt die Huflederhaut stark an, wodurch die Blutzirkulation gestört wird. Da sich die Schwellung unter der starren Hornkapsel nicht ausbreiten kann, entsteht ein schmerzhafter Druck. Durch die fehlende Durchblutung wird die Lederhaut nicht mehr mit Nährstoffen versorgt, der Verhornungsprozess stoppt teilweise oder vollständig, und die Verbindung zwischen Hufbein und Hornkapsel löst sich [4].

Das nun nicht mehr sicher verankerte Hufbein kann durch das Gewicht des Pferdes und die Zugkraft der tiefen Beugesehne nach unten absinken oder um die eigene Achse rotieren [5]. Genau diese mechanischen Veränderungen machen die Hufrehe so gefährlich – und so schmerzhaft.

Ursachen: Warum entsteht Hufrehe?

Die häufigste Ursache für Hufrehe ist die Insulinresistenz – das zentrale Merkmal des Equinen Metabolischen Syndroms (EMS) [3]. Übergewicht und Adipositas stellen die Hauptrisikofaktoren für EMS dar [1]. Pferde mit EMS zeigen oft lokale Fettablagerungen am Mähnenkamm, an den Schultern und am Schweifansatz, selbst wenn sie nicht generell übergewichtig sind. Insulinresistenz führt zu chronisch erhöhten Insulinspiegeln im Blut, und genau diese Hyperinsulinämie gilt als direkter Auslöser der Hufrehe [2].

Weitere Ursachen sind das Equine Cushing-Syndrom (PPID), übermäßige Futteraufnahme – besonders von Kohlenhydraten wie Fruktanen im Frühjahrs- und Herbstgras –, Toxine im Blut bei systemischen Erkrankungen wie Kolik, Durchfall oder Nachgeburtsverhaltung, mechanische Überbelastung (Belastungsrehe) sowie Vergiftungen — etwa durch Walnussschalen (Black Walnut Shavings als Einstreu) oder Eicheln in größeren Mengen [5].

Besonders anfällig sind Robustpferde-Typen wie Ponys, Shetlandponys, Isländer und Fjordpferde sowie genetisch zur Insulindysregulation neigende Rassen wie Morgan Horse oder bestimmte Quarter Horses [6]. Diese Pferde und Ponys werden häufig als „leichtfuttrig" oder „gute Futterverwerter" beschrieben – genetisch bedingte Eigenschaften, die in freier Wildbahn Überlebensvorteile boten, in der modernen Haltung aber zum Verhängnis werden können.

Früherkennung: Diese Warnsignale solltest du kennen

Viele Pferdebesitzer erkennen eine beginnende Hufrehe nicht rechtzeitig. In einer britischen Studie erkannten 45,2 Prozent der Besitzer die Erkrankung bei ihrem Pferd nicht frühzeitig [7]. Die wichtigsten Frühsymptome:

Verstärkter digitaler Puls an den Zehenarterien: Ein verstärkter oder „pulsierender" digitaler Puls in beiden Vorderbeinen ist ein wichtiges Frühwarnsignal. Bei gesunden Pferden ist der Puls an den Zehenarterien oft kaum zu ertasten. Wird er stark und deutlich fühlbar, deutet das auf eine Entzündung im Huf hin.

So tastest du den Puls richtig:

Weitere Frühwarnzeichen:

Bei akuter Hufrehe verschärfen sich die Symptome dramatisch: Das Pferd zeigt die typische Sägebockstellung mit weit nach vorne gestellten Vorderbeinen und weit unter den Körper geschobenen Hinterbeinen, um die schmerzenden Zehen zu entlasten. Es fußt auf den Trachten auf (Trachtenfußung), bewegt sich nur noch widerwillig oder gar nicht mehr, zeigt deutliche Lahmheit und liegt viel [5].

Diagnose und Prognose

Die Diagnose erfolgt durch klinische Untersuchung, Hufzangenprobe und Röntgenaufnahmen aller betroffenen Hufe. Röntgenbilder zeigen, ob und wie stark das Hufbein bereits rotiert oder abgesunken ist – das ist entscheidend für die Prognosestellung [5]. Gemessen wird dabei der Winkel zwischen Hufbeinvorderkante und Dorsalwand der Hornkapsel: Je größer die Abweichung, desto schwerer der Reheschub und desto vorsichtiger die Prognose [5].

Röntgenbild eines Pferdehufes mit typischer Hufbeinrotation bei Hufrehe – seitliche Aufnahme mit Markierungen
Seitliches Röntgenbild eines Pferdehufes mit typischer Hufbeinrotation: Das Hufbein hat sich von der Dorsalwand der Hornkapsel gelöst und ist nach unten rotiert. Die Metallmarker an der Hufwand dienen der exakten Winkelvermessung.

Das Venogramm: Blutversorgung im Huf sichtbar machen

Während Röntgenbilder die knöcherne Situation zeigen, liefert das Venogramm (digitale Venographie) Informationen über die Durchblutung der Huflederhaut – und damit über die Vitalität des Gewebes, das den Huf zusammenhält [5]. Bei der Untersuchung wird ein jodhaltiges Kontrastmittel in die digitale Vene am Fesselgelenk injiziert, während eine Staumanschette den Rückfluss blockiert. Die anschließende Röntgenaufnahme macht das Gefäßnetz im Huf sichtbar.

Ein gesunder Huf zeigt eine gleichmäßige, dichte Kontrastmittelfüllung bis in die Hufspitze. Bei Hufrehe hingegen erscheinen typische Perfusionslücken: Bereiche, in denen die Blutversorgung unterbrochen ist – genau dort, wo die Huflederhaut geschädigt wurde [5]. Je ausgedehnter diese Lücken, desto schwerer der Schaden. Das Venogramm hilft dem Tierarzt dabei, den tatsächlichen Zustand der Lamellen zu beurteilen, eine genauere Prognose zu stellen und die Hufbearbeitung gezielt anzupassen [5]. Es ist besonders wertvoll in der chronischen Phase, wenn über den weiteren Therapieweg entschieden werden muss.

Prognose – realistisch, aber mit Handlungsspielraum:

Pferde mit schneller Diagnose und geringgradiger Hufbeinrotation haben gute Heilungschancen und können nach erfolgreicher Therapie wieder als Sport- oder Freizeitpferd eingesetzt werden [5]. Je früher die Therapie eingeleitet wird, desto besser stehen die Chancen für eine erfolgreiche Heilung [5].

Die Kehrseite: In einer britischen Kohortenstudie waren Hufrehe-Folgen einer der häufigsten Gründe für Euthanasie bei den teilnehmenden Pferden [6]. Die Wahrscheinlichkeit eines schweren Verlaufs hängt unter anderem vom Zeitpunkt der Diagnose, der Schwere der Hufbeinverschiebung und der Vornutzung des Pferdes ab. Diese Zahlen unterstreichen, wie wichtig Früherkennung und konsequente Prävention sind. Je früher du auf Warnsignale wie verstärkte Pulsation und klammen Gang achtest, desto besser steht es um dein Pferd.

Therapie: Was tun im Akutfall?

Hufrehe ist ein absoluter tiermedizinischer Notfall. Kontaktiere sofort deinen Tierarzt, wenn du den Verdacht hast. Bis zum Eintreffen des Tierarztes:

Die tierärztliche Akuttherapie umfasst Schmerzmedikation (nichtsteroidale Entzündungshemmer wie Flunixin, Phenylbutazon), durchblutungsfördernde Maßnahmen, orthopädische Hufversorgung (z. B. mit Strahlpolstern, Kunststoffkeilen oder speziellen Rehebeschlägen) und die Behandlung der Grunderkrankung – insbesondere das Management von Insulinresistenz und Übergewicht [5].

Prävention: So schützt du dein Pferd

Nicht alle Hufrehefälle lassen sich verhindern, aber du kannst das Risiko erheblich senken:

Gewichtsmanagement: Halte dein Pferd in guter Körperkondition – Rippen sollten fühlbar, aber nicht sichtbar sein. Übergewicht ist der größte Risikofaktor.

Kontrollierte Weidezeiten: Begrenze den Weidegang im Frühjahr und Herbst, wenn der Fruktangehalt im Gras besonders hoch ist. Nutze bei Risikopferden eine Fressbremse.

Zuckerarme Fütterung: Füttere heubasiert und analysiere bei Bedarf den Zuckergehalt deines Heus. Einweichen kann den WSC-Gehalt senken — wie stark, ist aber sehr heuabhängig: manche Chargen bleiben auch nach Stunden über dem 10 %-TM-Grenzwert. Verlass dich nicht auf eine Faustregel wie „60 Minuten reicht", sondern lass im Zweifel vor und nach dem Einweichen analysieren.

Regelmäßige Hufpflege: Gute, physiologische Hufbearbeitung durch einen kompetenten Hufschmied oder Hufpfleger alle 6–8 Wochen.

Überwachung von Risikopferden: Lasse bei Ponys, leichtfuttrigen Rassen und übergewichtigen Pferden regelmäßig Bluttests auf Insulinresistenz und EMS durchführen.

Bewegung: Ein angemessenes Trainingsprogramm verbessert die Insulinregulation und verringert das Risiko [5].

Ergänzende Fütterung: Nährstoffe für gesunde Hufe

Eine hochwertige Hufqualität kann das Risiko und die Folgen chronischer Hufrehe abmildern. Mehrere Nährstoffe sind für Hornbildung und Stoffwechselstabilität gut belegt:

Biotin: Der bekannteste Wirkstoff für die Hornqualität. Studien zeigen, dass Biotin die Hufhornbildung bei Pferden mit schlechter Hornqualität verbessert. Typische Dosierung: 15–30 mg pro Tag über mindestens 6–9 Monate. Biotin wirkt nicht akut, sondern langfristig.

Zink und Kupfer: Diese Spurenelemente sind essenziell für die Keratinbildung und die Stabilität der Hornstrukturen. Ein Ungleichgewicht – oft durch Überschuss an Eisen im Grundfutter – kann die Hornqualität verschlechtern. Achte auf ein ausgewogenes Verhältnis (Zink : Kupfer etwa 3–4 : 1).

Magnesium: Bei Pferden mit Insulinresistenz kann eine Magnesiumsupplementierung die Insulinregulation unterstützen. Magnesium ist an über 300 Stoffwechselprozessen beteiligt, darunter der Glukosestoffwechsel. Empfohlene Form: Magnesiumoxid oder organisch gebundenes Magnesium.

Omega-3-Fettsäuren (z. B. aus Leinsamen): Entzündungshemmende Eigenschaften, die bei chronischen Entzündungsprozessen unterstützend wirken können.

Wichtig: Supplemente ersetzen keine Basisversorgung. Die Grundlage ist immer eine bedarfsgerechte, zuckerarme Fütterung. Besprich eine Supplementierung bei stoffwechselkranken oder rehegefährdeten Pferden mit deinem Tierarzt oder einem spezialisierten Ernährungsberater. Keine Markennamen, keine Heilversprechen – nur die evidenzbasierten Wirkstoffe zählen.

Fazit

Hufrehe ist eine ernste, schmerzhafte Erkrankung – aber mit Wissen, Wachsamkeit und schnellem Handeln kannst du die Chancen deines Pferdes auf Heilung und Lebensqualität erheblich verbessern. Lerne die Frühwarnzeichen kennen, taste regelmäßig den digitalen Puls, achte auf warme Hufe und veränderte Bewegungsmuster. Bei Verdacht zögere nicht: Jede Stunde zählt. Prävention durch Gewichtsmanagement, kontrollierte Weidezeiten und regelmäßige Hufpflege bleibt der beste Schutz vor dieser verheerenden Erkrankung.

Quellen

  1. [1] Johnson PJ et al. – Laminitis and the equine metabolic syndrome. Vet Clin North Am Equine Pract 2010. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/20699172/
  2. [2] McGowan CM – Equine metabolic syndrome. In Practice 2015. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4552932/
  3. [3] Durham AE et al. – ECEIM consensus statement on equine metabolic syndrome. J Vet Intern Med 2019. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30724412/
  4. [4] Pollitt CC. – The anatomy and physiology of the suspensory apparatus of the distal phalanx. Vet Clin North Am Equine Pract. 2010;26(1):29–49. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/?term=Pollitt+suspensory+apparatus+distal+phalanx
  5. [5] Belknap JK. – Treatment of acute laminitis. Vet Clin North Am Equine Pract. 2010;26(1):115–124. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/?term=Belknap+treatment+acute+laminitis
  6. [6] Pollard D, Wylie CE, Newton JR, Verheyen KLP – Factors associated with euthanasia in horses and ponies enrolled in a laminitis cohort study in Great Britain. Prev Vet Med. 2020. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31751854/
  7. [7] Pollard D, Wylie CE, Verheyen KLP, Newton JR. – Assessment of horse owners' ability to recognise equine laminitis: A cross-sectional study of 93 veterinary diagnosed cases. Equine Vet J. 2017;49(6):759–766. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/?term=Pollard+owners+recognise+equine+laminitis+2017

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