Warum ruhiges Stehen beim Hufschmied mehr ist als Gehorsam

Wenn dein Pferd entspannt alle vier Hufe hebt und während der Bearbeitung still steht, profitieren alle Beteiligten: Der Hufschmied kann präziser arbeiten, das Verletzungsrisiko sinkt, und die Bearbeitung ist schneller erledigt. Ein unruhiges Pferd dagegen macht die Arbeit gefährlich, schmerzhaft für sich selbst und ineffizient. Regelmäßige, fachmännische Hufpflege ist für die Gesundheit und Soundness deines Pferdes unverzichtbar [1]. Die gute Nachricht: Ruhiges Stehen lässt sich systematisch trainieren – und sollte bereits im Fohlenalter beginnen.

Frühe Gewöhnung: Warum das Fohlenalter zählt

Fohlen sollten bereits mit ein bis zwei Wochen an erste Hufpflegemaßnahmen gewöhnt werden [2]. In dieser frühen Phase lernen sie, dass Berührung der Beine, Hochheben der Hufe und der Umgang mit Menschen nichts Bedrohliches sind. Das Fohlen wird dabei an das Putzen, Halfter, Führen und Hochheben der Hufe gewöhnt [3].

Ist das Fohlen mit dem Menschen vertraut, lässt sich eine positive Bindung aufbauen, die sich langfristig auszahlt. Pferde, die diese Sozialisierung versäumt haben, reagieren später oft mit Angst oder Abwehr – dann wird Training mühsamer und zeitaufwendiger.

Konkret beim Fohlen:

Hufschmied bearbeitet einen Vorderhuf auf dem Hufbock – Pferd steht entspannt
Konzentrierte Hufpflege auf dem Hufbock – ein gut trainiertes Pferd lässt das Bein entspannt liegen. Foto: © Hufschmied Fidelius Lewens

Stufenweises Training für erwachsene Pferde

Auch ältere Pferde oder solche mit schlechten Erfahrungen können lernen, ruhig zu stehen. Der Schlüssel liegt in kleinschrittigen Trainingseinheiten ohne Überforderung.

Stufe 1: Huf geben und kurz halten

Beginne im Stand, ohne Werkzeuge. Streiche das Bein von der Schulter/Kruppe bis zum Fesselkopf. Drücke leicht gegen die Fessel – viele Pferde heben den Huf reflexartig. Wenn nicht, lehne dich leicht gegen die Schulter (Vorderbein) oder Hüfte (Hinterbein), um das Gewicht zu verlagern.

Hebt dein Pferd den Huf, halte ihn maximal 3-5 Sekunden, dann setze ihn ruhig ab und belohne (Stimme, Kraulen, eventuell Leckerli). Wiederhole das mehrmals täglich, steigere die Haltezeit schrittweise auf 20-30 Sekunden.

Wichtig: Setze den Huf ab, BEVOR das Pferd ungeduldig wird. Du bestimmst das Ende, nicht das Pferd. So lernt es, dass Ruhe belohnt wird.

Tipp – Leckstein als Belohnung: Statt einzelner Leckerli, die schnell weg sind, hilft besonders bei jungen Pferden ein Leckstein oder eine Leckmasse direkt in Reichweite während der Hufpflege. Das Pferd hat die ganze Zeit etwas Angenehmes zu tun, bleibt am Platz stehen und verknüpft die Bearbeitung langfristig mit positivem Erleben.

Stufe 2: Bein länger halten und Position variieren

Übe, das Bein in verschiedenen Winkeln zu halten – so wie der Hufschmied es braucht. Beim Vorderhuf: nach vorne gestreckt, angewinkelt zwischen den Beinen (Beschlagposition). Beim Hinterhuf: nach hinten ausgestreckt, seitlich angewinkelt.

Halte das Bein jeweils 30-60 Sekunden. Atmet das Pferd ruhig weiter? Bleibt der Kopf tief? Dann bist du auf dem richtigen Weg. Beginnt es zu schwitzen, den Kopf hochzureißen oder mit dem Bein zu zucken, warst du zu schnell – geh einen Schritt zurück.

Bei Kaltblütern und schweren Pferden: Die starke Außenrotation in der klassischen Beschlagposition (Bein zwischen den Knien des Schmieds) fällt körperlich schwereren Pferden oft schwer – Muskulatur, Gelenke und Statik sind anders ausgelegt als beim Warmblut. Hier hilft, die Position weniger extrem zu wählen, häufiger Pausen einzubauen oder mit einem Hufbock (Stativ) zu arbeiten, der das Bein abstützt. Das schont die Muskeln und lässt das Pferd entspannt bleiben.

Stufe 3: Werkzeuge und Geräusche gewöhnen

Lass dein Pferd zunächst die Werkzeuge beschnuppern: Hufkratzer, Raspel, Hammer, Zange. Kratze den Huf wie gewohnt aus, dann führe die Raspel langsam über die Hufsohle, ohne Druck. Das Geräusch und die Vibration sind für viele Pferde anfangs irritierend.

Steigere langsam: Klopfe leicht mit dem Hammer neben den Huf auf den Boden, später auf die Sohle. Belohne jedes Mal, wenn dein Pferd entspannt bleibt. Baue auch Pausen ein – 10 Sekunden Huf halten, absetzen, erneut aufheben. So bleibt das Pferd mental bei dir, statt in eine Duldungsstarre zu verfallen.

Stufe 4: Fremde Person und echte Bearbeitungssituation

Bitte eine vertraute Person, die Übungen aus Stufe 1-3 zu wiederholen. Viele Pferde sind bei ihrem Besitzer entspannt, reagieren aber bei Fremden defensiv. Simuliere die Schmiedesituation: fremde Person, reale Werkzeuge, ungewohnte Bewegungen.

Ist dein Pferd dabei nervös, geh zurück zu Stufe 2-3, aber MIT der anderen Person. Lass sie anfangs nur danebenstehen, dann die Hufe berühren, dann kurz halten. Baue Vertrauen Schritt für Schritt auf.

Bei nervösen oder schwierigen Pferden, lade deinen Hufschmied zu einer Trainingseinheit ein (vergüte seine Zeit!). Er kann dir wertvolle Hinweise geben und das Pferd lernt, dass der Schmied keine Bedrohung darstellt.

Typische Fehler und wie du sie vermeidest

Zu langes Festhalten: Du hältst den Huf, das Pferd zappelt, du hältst krampfhaft weiter – das Pferd lernt, dass Zappeln notwendig ist, um frei zu kommen. Besser: Setze den Huf ruhig ab, BEVOR das Pferd unruhig wird, und hebe ihn sofort erneut auf. Du gibst das Tempo vor.

Bestrafung statt Belohnung: Schreien, Schlagen oder grobes Handling verschärft die Angst. Pferde lernen durch positive Verstärkung und Druck-Nachgeben-Prinzip, nicht durch Strafe. Bleib ruhig, auch wenn es länger dauert.

Überforderung: Drei Stunden Training am Stück bringen nichts. Besser: täglich 10-15 Minuten über mehrere Wochen. Qualität vor Quantität.

Stresssignale übersehen: Schwitzen ohne körperliche Anstrengung, erhöhte Atemfrequenz (normal: 8-16 Atemzüge/min in Ruhe), geweitete Nüstern, Kopf hochreißen, Schweif schlagen, Ohren anlegen – das sind Warnsignale. Pausiere, beruhige das Pferd, kehre zur letzten erfolgreichen Stufe zurück.

Keine Struktur: Unregelmäßiges Training führt zu Rückschritten. Plane feste Trainingszeiten ein, mindestens 3-4 Mal pro Woche.

Medikamentöse Unterstützung: Wann Sedation sinnvoll ist

Manche Pferde sind sehr ängstlich oder haben so traumatische Erfahrungen gemacht, dass Training allein zunächst nicht ausreicht. In diesen Fällen kann eine milde Sedation durch den Tierarzt eine Brücke sein, um akute Hufpflege-Notwendigkeiten zu bewältigen und gleichzeitig positive Erfahrungen zu ermöglichen.

Gängige Wirkstoffe:

Wichtig: Sedation ist KEIN Ersatz für Training, sondern eine Notlösung oder Übergangshilfe. Ein Pferd unter Sedation lernt nicht, ruhig zu stehen – es ist nur vorübergehend ruhiggestellt. Langfristig musst du parallel systematisch trainieren.

Cave bei Kaltblütern und schweren Pferden: Unter Sedation entspannt sich die gesamte Muskulatur — die ohnehin schweren Beine wirken dann noch schwerer und fallen leichter aus der gehaltenen Position. Bei Kaltblut-Rassen wird Sedation für die reine Hufbearbeitung deshalb häufig zurückhaltend eingesetzt oder ganz vermieden. Wenn überhaupt, dann nur in geringer Dosierung, mit erfahrenem Schmied und idealerweise mit Hufbock.

Kläre vor jeder Sedation mit deinem Tierarzt ab: Ist das Pferd gesundheitlich stabil? Gibt es Vorerkrankungen (Herz, Leber, Trächtigkeit)? Plane nach der Sedation ausreichend Erholungszeit ein, schütze das Pferd vor extremen Temperaturen, biete kein Futter oder Wasser an, bevor die Wirkung nachlässt.

Stressreduktion ohne Medikamente

Nicht jedes nervöse Pferd braucht eine Spritze – und nicht jedes verträgt sie gut (siehe Cave-Hinweis bei Kaltblütern oben). Es gibt einige unterstützende Maßnahmen, die du ergänzend zum Training einsetzen kannst:

Therapiedecken (z. B. Magnetfeld- oder Vibrationsdecken) lockern vor anstrengenden Terminen die Muskulatur und wirken oft beruhigend. Die Studienlage ist dünn, aber als Ergänzung zum Training berichten viele Halter:innen positive Effekte – ohne die Risiken einer Sedation.

Akupunktur durch eine ausgebildete Fachkraft (Tierarzt mit Zusatzbezeichnung Akupunktur, oder zertifizierter Pferde-Therapeut) kann bei chronisch angespannten Pferden eine gute Option sein. Termine bewusst vor der Hufpflege legen, damit die Wirkung greift.

Aromatherapie mit beruhigenden Düften (Lavendel) wirkt sehr individuell – manche Pferde reagieren darauf gut, andere gar nicht. Probieren lohnt sich, Wundermittel ist es nicht.

Ruhige Umgebung: Vertraute Box-Nachbarn, kein Stallwechsel kurz vorher, keine fremde Lärmkulisse. Klingt selbstverständlich, wird aber oft unterschätzt.

Wann zum Verhaltens-Spezialisten oder Tierarzt?

Wenn dein Pferd trotz wochenlangem, kleinschrittigem Training keine Fortschritte macht, aggressiv reagiert (beißen, treten mit Verletzungsabsicht) oder panisch flüchtet, sobald du das Bein berührst, liegt eventuell ein tiefer sitzendes Problem vor: chronische Schmerzen (Gelenke, Rücken, Hufe), neurologische Störungen oder schwere Traumatisierung.

Ziehe in diesen Fällen einen Tierarzt mit Schwerpunkt Verhaltensmedizin oder einen erfahrenen Pferdeverhaltensberater hinzu. Eine gründliche Lahmheitsuntersuchung kann versteckte Schmerzursachen aufdecken. Verhaltensmediziner können gezielt Trainings- und eventuell medikamentöse Therapie kombinieren.

Ergänzende Fütterung: Magnesium und beruhigende Kräuter

Einige Nährstoffe und Pflanzenstoffe werden traditionell zur Unterstützung nervöser Pferde eingesetzt. Die Studienlage ist allerdings dünn, und Supplemente ersetzen NIEMALS ein solides Training.

Magnesium: Wird häufig bei nervösen, schreckhaften Pferden empfohlen. Der Wirkmechanismus: Magnesium ist an der Nervenfunktion und Muskelentspannung beteiligt. Belastbare Studien zur Wirksamkeit bei Verhaltensproblemen beim Pferd fehlen jedoch weitgehend. Ein nachgewiesener Mangel (selten bei bedarfsgerechter Fütterung) sollte ausgeglichen werden – darüber hinaus ist der Nutzen spekulativ.

Tryptophan: Aminosäure, Vorstufe von Serotonin. Wird in einigen Präparaten als „Stimmungsaufheller" beworben. Evidenz beim Pferd: moderate, widersprüchliche Datenlage. Keine Wunder erwarten.

Kräuter (Baldrian, Hopfen, Melisse, Lavendel, Johanniskraut): Traditionell als nervenberuhigend beschrieben. Wichtig: Baldrian und Johanniskraut stehen auf der Dopingliste vieler Turnierveranstalter – keine Fütterung vor Wettkämpfen! Die beruhigende Wirkung ist subjektiv und individuell unterschiedlich.

Dosierung: Keine allgemeingültigen Empfehlungen ohne Herstellerangaben und tierärztliche Rücksprache. Achte auf Reinheit, vermeide Billigprodukte mit unklarer Deklaration.

Zielgruppe: Pferde mit grundsätzlich nervösem Temperament, in Stresssituationen (Stallwechsel, Turniere, Fellwechsel). NICHT als Ersatz für Trainingsdefizite.

Sprich vor der Gabe mit deinem Tierarzt, insbesondere bei gesundheitlichen Vorbelastungen oder parallel laufender Medikation.

Prävention: So bleibt dein Pferd langfristig entspannt

Fazit

Ruhiges Stehen beim Hufschmied ist kein genetisches Glück, sondern das Ergebnis systematischen Trainings und positiver Erfahrungen. Beginne früh, trainiere kleinschrittig, erkenne Stresssignale rechtzeitig und belohne konsequent. Medikamentöse Unterstützung durch den Tierarzt kann in Einzelfällen eine sinnvolle Brücke sein – ersetzt aber niemals das eigentliche Verhaltenstraining. Wenn dein Pferd trotz intensiver Bemühungen keine Fortschritte macht, ziehe einen Verhaltens-Spezialisten oder Tierarzt hinzu. Die Investition in Geduld und Struktur zahlt sich langfristig aus: für die Gesundheit deiner Hufe, die Sicherheit aller Beteiligten und eine entspannte Zusammenarbeit mit dem Hufschmied.

Quellen

  1. [1] Utah State University Extension – Proper Basic Hoof Care. https://extension.usu.edu/equine/research/proper-basic-hoof-care
  2. [2] Leitlinien Tierschutz im Pferdesport (BMEL 1992) – Frühe Hufpflegemaßnahmen bei Fohlen. https://mlr.baden-wuerttemberg.de/fileadmin/redaktion/m-mlr/intern/dateien/PDFs/SLT/Leitlinien_Pferdesport.pdf
  3. [3] Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltungen unter Tierschutzgesichtspunkten (BMEL 2009) – Pflege und Gewöhnung von Fohlen. https://www.lra-gap.de/media/files/lra_vet_tierschutz/Pferdehaltung_Leitlinien.pdf
  4. [4] Daunt DA, Steffey EP – Alpha-2 adrenergic agonists as analgesics in horses. Vet Clin North Am Equine Pract 2002. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/12494497/
  5. [5] PubMed – The equine practitioner-farrier relationship: building a partnership. Vet Clin North Am Equine Pract 2012. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/22640583/

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